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Alt 17.10.2007, 21:11   #1 (Permalink)
Radost
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Standard Romantische Liebe -was sie auszeichnete

Ich hatte in meiner Magisterarbeit die Soziologenschaft daraufhin durchforstet, was sie als bezeichnend für die ‘frühromantische Liebe’ ansehen, wie sie um 1800 konzipiert und später verbreitet wurde. Es ist nicht als Minimalkonsens zu verstehen, sondern ein Zusammentragen von Nennungen:

Heraus kamen folgende 18 "Postulate" (ich lasse die Zitate und Quellenangaben mal der Lesbarkeit wegen weg), wobei mit "Sie" die frühromantische Liebe gemeint ist:

(1) Liebe beruht auf Emotionalität, die eine enge gefühlsmäßige Bindung zum anderen herstellt.

(2) Sie baut auf die volle Einbeziehung der Sexualität, denn das körperliche Beteiligtsein der Liebenden besitzt eine eigene Qualität.

(3) Sie funktioniert durch die Idealisierung des Partners bzw. des eigenen Engagements, womit ausreichend Motive für die Interaktion mit dem anderen gewonnen werden.

(4) Sie pocht in ihrer Exklusivität auf die unbedingte Präferenz für eine bestimmte individuelle Person bzw. die einzig richtige Person, so daß eine Sozialbeziehung zu zweit erwächst, die u.a. erheblich Komplexitätselemente vermindert. Diese Ausschließlichkeit impliziert Treue, die als langfristige Hilfsbereitschaft und Loyalität zu verstehen ist.

(5) Nicht nur sind die im Namen der Liebe erlebten Gefühle bewußt wahrgenommen und das Mitfungieren des Ichbewußtsein an ihr erkannt worden, sondern ermöglichen sich die Liebenden eine wechselseitige Beziehung und geht es hierbei um das Lieben des Liebens, das sich ein Objekt sucht und in der Gegenliebe soziale Reflexivität aufbaut.

(6) Ihre Beidseitigkeit ist dabei an Zwei- oder Gegengeschlechtlichkeit statt Gleichgeschlechtlichkeit gebunden, wobei die Gründe (Wahrung anfänglicher Differenz, Fremdheit und Faszination) hierfür noch weitgehend im Dunklen liegen.

(7) Sie wird aufgrund der absoluten Fixierung auf ein besonderes Gegenüber von den Liebenden mit höchster persönlicher Relevanz ausgestattet, womit ausgesagt ist, daß sie als wichtigste Angelegenheit ihrer Träger keine Konkurrenz durch andere persönlichen Beziehungen erfährt.

(8) Ihre dyadische Exklusivität und Höchstrelevanz zieht die Regression von Sozialität auf Zweierbeziehungen nach sich: das sich durch sie gebildete Paar isoliert sich von der Welt und gibt sich weltabgewandt und hermetisch. Die Zweierbeziehung steht der persönlichen Gestaltung offen.

(9) Sie bedeutet den einzig legitimen Grund der Partnerwahl und stellt somit das ehestiftende Motiv dar.

(10) Sie ist darauf angelegt, für immer und ewig zu halten, also dauerhaft zu funktionieren, denn nach der Wahl des einen richtigen Partners kann man sich keinen ‘richtigeren’ Nachfolger vorstellen und die konkrete Partnerwahl erscheint als einmalige und lebenslang bindende Entscheidung.

(11) Sie postuliert nicht nur ihr Junktim mit Sexualität und Ehe, sondern integriert auch die Elternschaft, in die die dauerhafte Ehe einzumünden hat, indem sie Kinder zum Symbol ihrer Tiefenwirkung bzw. zum Liebespfand stilisiert.

(12) Sie nimmt sich der Individualität der sie Vollziehenden an und ermöglicht vorbehaltloses Eingehen auf die Einzigartigkeit der Welt und der Eigenschaften
des Geliebten.

(13) Sie enthält ein androgynes Ideal, wonach sich die Gleichwertigkeit der Geschlechter in Sexualität, Emotionalität und Selbstverwirklichung niederschlägt.

(14) Sie geschieht spontan; die plötzliche gegenseitige Anziehung bedeutet ein intuitives Erfassen der Eigenschaften des anderen auf den ersten Blick.

(15) Die aus ihr erwachsenden Liebesbeziehungen gehorchen dem Startmechanismus Zufall, statt von sozialer Kontrolle bzw. objektiven Kriterien abhängig zu sein.

(16) Sie besitzt den Charakter der Grenzenlosigkeit dadurch, daß sie alle heimsucht und sich nicht auf die Gegenwart reduziert, sondern in einer mythischen Zeit erfahren wird.

(17) Sie nimmt über die Errichtung fiktiver Barrieren , strategischer Rückzüge und Umweghaftigkeiten aller Art eine Distanz zu ihrer unmittelbaren Erfüllung ein und steigert sich durch diese Investition “in die Hoffnung, in die Sehnsucht, in die Ferne.

(18) Und sie idealisiert nicht nur den Geliebten, sondern wird zugleich von typisch romantischen Paradoxien (bezüglich der Erwartungen an sich und den Geliebten) durchzogen, so z.B. die Steigerung des Sehens, Erlebens, Genießens durch Distanz oder das Identischbleiben beim Aufgehen im Anderen.

Gruß, Radost
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Liebe ist Urlaub von sich selbst. (Michael Mary)

Geändert von Radost (18.10.2007 um 17:16 Uhr). Grund: Zeilenumbr?che
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